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Die Schneetaube

Einstmals vor langer Zeit im 5. vorchristlichen Jahrhundert lebte in Magadha, einem nordostindischen Königreich, der Philosoph Vasubandhu.

Aus dem Königreich Magadha entfaltete sich im 3. Jh. v. Chr. das Reich der Maurya-Dynastie, das erste indische Großreich.

Dessen herausragender Herrscher war Kaiser Ashoka, unter dem Magadha nicht nur seine größte Ausdehnung, sondern auch eine kulturelle Blüte erlebte.
Magadha ist zudem das Ursprungsgebiet des Buddhismus. In ihm liegen auch die antiken buddhistischen Zentren, wie Bodh-Gaya und Nalanda, von denen aus sich die neue Religion nach dem dritten buddhistischen Konzil auf andere Teile Indiens ausweitete.

Vasubandhu erlangte großes Ansehen auf Grund seiner Gelehrsamkeit und hohe Wertschätzung von Seiten der Menschen. Von Zeit zu Zeit zog er sich in die Einsamkeit der Berge zurück um in Stille und Klausur als Einsiedler zu leben. Der einzige Begleiter der ihm zur Seite stand war eine Schneetaube, die im goldenen Licht des Sonnenaufgangs begeistert seinen Sutrarezitationen lauschte.
Gerne sah Vasubandhus der Schneetaube zu, wenn sie über die Berge unter den weißen Wolken, die am Himmel schwebten, hinflog. Als ihre Zeit gekommen war, um ihren letzten Atemzug zu tun, entschlief der Vogel friedlich zu Füßen Vasubandhus.

In Südindien lebten zu dieser Zeit ein Händler-Ehepaar zufrieden und innig dahin, denen nach neun Monaten ein kräftiges und gesundes Knäblein geboren wurde.
Bald schon konnte der Knabe sprechen und seine ersten Worte waren: „Wo ist mein Meister?“
Seine Mutter war ehrlich erschrocken und tief bewegt als sie das hörte und fragte ihren Sohn: „Wer ist dein Meister?“
Ohne zu zögern antwortete der Knabe: „Es ist Vasubandhu und ich möchte ihn treffen.“
Um den Wunsch ihres Sohnes zufriedenzustellen, erkundigten sich die Eltern bei anderen Kaufleuten nach Vasubhandu und erhielten diese Auskunft:
Er gilt als einer der größten Denker des buddhistischen Indiens und erhielt aus Verehrung für sein unvergleichliches Wissen den Beinamen „Zweiter Buddha“. Er zählt, wie sein älterer Bruder Asanga, zu den „Sechs Gelehrten, die diese Welt schmücken“ und auf die sich die Lehren des Mahåyåna
stützen.
Der Vater hörte sich in Ruhe die Berichte über Vasubandhu an und beschloss dann, sich mit seiner Frau und ihrem Sohn Stiramati auf die Reise nach Magadha zu machen.
Der weite Himmel war bis an den Horizont von funkelnden Regenbogenfarben erfüllt, als Stiramati seinen Meister traf.
Auf Grund dessen, dass die Schneetaube durch das Hören der Lehre Buddhas ihr negatives Karma gereinigt hatte, wurde sie als Stiramati wiedergeboren und einer der vier herausragenden Schüler Vasubandhus, die jeweils auf einem Gebiet der Lehre besondere Meister waren.

Stiramati erhielt Auf Grund seiner Fähigkeiten den Namen „Höheres Wissen“.